Geschichte der Freimauer in Jülich

Am 6. Juli 1801 rückten 1200 französische Pioniere in die Festung Jülich ein. Sie waren für den komplizierteren 2. Bauabschnitt der Rurfestung - heute sagen wir Brückenkopf - und für die geplanten Festungsbauten auf der Merscher Höhe bestimmt.

In dieser Truppe waren 21 Freimaurer; sie kamen aus St. Quentin in Nordfrankreich, ihrer bisherigen Garnison. Dort hatten sie der Loge "Philantropie" angehört. Sie waren die ersten Freimaurer in unserer Stadt, von denen wir wissen.

Jülich gehörte damals zur französischen Republik, seit dem Frieden von Lunéville auch völkerrechtlich sanktioniert. Die Freimaurerei in Frankreich hatte sich nach den ersten wirren Jahren der großen Revolution wieder konsolidiert und erfreute sich des Wohlwollens des ersten Konsuls und späteren Kaisers Napoleon. Viele Beamte, auch in den höchsten Positionen, waren selbst Freimaurer.

Jülich war damals eine kleine Stadt, sie hatte gerade 341 Häuser und etwa 2400 zivile Einwohner, deren Leben weitgehend durch den Festungscharakter der Stadt bestimmt war.

Welche Möglichkeit zu freimaurerischer Arbeit hatten nun diese 21 Brüder, die jetzt in Jülich Quartier bezogen hatten? Die nächstgelegene Loge befand sich in Aachen, dort arbeitete seit 1774 die Loge "La Constance" oder auf Deutsch "Zur Beständigkeit".

Die Reise nach Aachen dauerte damals 5 Stunden zu Pferd oder in einem nicht gerade billigen Reisewagen; so ist es verständlich, dass die Brüder in Jülich bald an ihrem Wohnsitz maurerisch arbeiten wollten. Eine spontane Logengründung war Anfang des 19. Jahr­hunderts schon nicht mehr möglich, eine neue Loge musste von einer bestehenden maurerischen Autorität formell konstituiert werden. Korrekterweise hätten sich die Jülicher Brüder dazu an den Großorient in Paris wenden müssen. Wegen ihrer persönlichen Bekanntschaft und der räumlichen Nähe, vor allem aber wohl zur Beschleunigung des Verfahrens, wandten sie sich an die in Aachen arbeitende Loge La Constance und baten um eine vorläufige Konstitution. Und sie hatten damit Erfolg.

Am 22. August 1802 beschloss das Aachener Kapitel, eine Delegation nach Jülich zu schicken, um die neue Loge zu gründen, oder, wie die Freimaurer sagen, das Licht einzubringen.

Meister vom Stuhl wurde der Bataillonskommandeur Francois Xavier Brocard aus Vauvilliers, damals 52 Jahre alt.

Das Patent aus Paris wurde am 22.08.1803 nach Jülich abgeschickt. Die Jülicher be­stätigten den Eingang am 12. September 1803.

Die neue Loge hatte 23 Mitglieder, alle waren Pionieroffiziere, der jüngste 26, der älteste 52 Jahre alt, etwa die Hälfte waren Leutnants, den höchsten militärischen Rang hatten zwei Bataillonskommandeure.

Die Loge entwickelte sich schnell. Das zweite erhaltene Mitgliederverzeichnis vom 26.1.1805 enthält schon 83 Namen. Die Pionieroffiziere machten immer noch den Hauptanteil aus, es finden sich aber auch Offiziere der Infanterie und der Kavallerie, sowie Ingenieuroffiziere.

Wir finden jetzt aber auch Zivilisten in der Loge, 4 Festungsbauunternehmer, einen Gastwirt aus Düren und einen Limonadenhändler. Von ihnen stammen nur zwei aus dem früheren deutschen Reichsgebiet, die Brüder Wilhelm und Heinrich Scheibler aus Monschau, beide Festungsbauunternehmer; die anderen sind aus Frankreich zugezogen.

Ein Brief vom 26.1.1805 ist das letzte schriftliche Zeugnis von der Existenz der Jülicher Loge La Bienfaisance. Im Jahr 1806 muss sie aber noch bestanden haben.

In dieser Zeit müssen auch noch einige Jülicher Bürger in der Loge aufgenommen worden sein, die in dem Verzeichnis von 1805 noch nicht enthalten sind.

Wenn wir nun heute auf diese erste freimauerische Tätigkeit in Jülich zurückblicken, die 1802 begann und schon nach 5 Jahren nicht mehr nachweisbar ist, stellt sich natürlich die Frage: Lässt sich irgendein Einfluss auf die spätere Entwicklung der Freimauerei in Jülich nachweisen? Die Antwort ist durchaus positiv.

Als 1815 das frühere Herzogtum Jülich von Preußen in Besitz genommen worden war, ging die Initiative zur Gründung der noch heute bestehenden Jülicher Loge von einem Offizier der preußischen Garnison aus, der am 18.10.1815 einige Freimaurerbrüder um sich versammelte. Das waren aber nicht nur Kameraden aus den neuen Truppen, sondern fast die Hälfte waren Jülicher Bürger, die das freimaurerische Licht zur Zeit der französischen Herrschaft erhalten hatten.

Was sich bei der Gründung unserer Loge 1815 abspielte, hat ein uns leider namentlich nicht bekannter Bruder etwa 40 Jahre später in seinen "Historisch-statistischen Nachrichten der Loge Wahrheit und Einigkeit zu den sieben vereinigten Brüdern" im Orient Jülich recht ausführlich und lebendig geschildert. Dieser Bericht ist aber auch die einzige nach dem Verlust unseres Archivs noch vorhandene Quelle über die Frühzeit unserer Loge.

Wie war nun die Situation im Jülich des Jahres 1815? Die Stadt hatte zwei unruhige Jahre hinter sich. Zum Jahreswechsel 1813/1814 war sie noch unumstrittener Bestandteil des französischen Kaiserreiches, aber schon Mitte Januar zeigten sich die ersten alliierten Truppen vor der Stadt, russische Kosaken, und der Belagerungszustand war verkündet. Diese Belagerung war nicht sehr intensiv, und als Paris schon gefallen und Napoleon schon nach Elba verbannt war, hielt sich die Festung Jülich noch immer. Sie kapitulierte erst auf Anordnung des neues Königs Ludwig XVIII. am 3. Mai 1814, und sächsische Truppen besetzen Stadt und Zitadelle Am 11. Juli 1814 rückten dann die Preußen ein. Kriegsschäden gab es kaum, aber eine Typhusepidemie hatte während der Belagerung 2000 Soldaten und 300 Bürger hingerafft.

1815 bekamen die Jülicher dann Klarheit über Ihre künftige Staatszugehörigkeit: am 5. April nahm Preußen Besitz von dem früheren Herzogtum Jülich und am 15. Mai mussten die Bürger zur Huldigung ihres neuen Königs antreten.

Nur 5 Monate später fand auch schon die Maurerei ihre neue Organisationsform; im folgenden möchte einige Aussagen aus dem eben erwähnten, uns glücklicherweise erhalten gebliebenen Text zitieren:

"Im Jahre 1815 fasste unser hochwürdiger und geliebter Altmeister, der Premier-Lieutnant und Rechnungsführer im Garnison-Bataillon No. 18, - Bruder von Creilsheim mutig den glücklichen Gedanken, in dem kleinen Jülich der Humanität einen Tempel zu errichten. Er versammelte sechs andere Ordnensbrüder sehr sinnig am 18. October 1815 - dem zweiten Jahrestage der Völkerschlacht bei Leipzig, - um sich mit ihnen über die Errichtung einer gesetzmäßigen, gerechten und vollkommenen St. Johannis-Loge zu beraten.

Nachdem diese sieben Meister sich durch ihre Certificate gegenseitig als echte Freimaurer legitimiert hatten, wurde die Conferenz eröffnet und in dieser definitiv einstimmig beschlossen, nach dem Systeme der Hochwürdigen großen National-Mutter-Loge genannt zu den drei Weltkugeln zu Berlin, in Jülich eine neue St. Johannis-Loge zu errichten und die genannte Großloge zu bitten, die Gründung zu genehmigen und das Constitutions-Patent zu verleihen.

Zum bleibenden Gedächtnis dieser wahrhaften Einigkeit, welche jene Brüder beseelte, wurde beschlossen, der jungen Bauhütte den Namen "Wahrheit und Einigkeit zu den sieben vereinigten Brüdern" bei zu legen.

Ein den damaligen Verhältnissen entsprechendes Lokal wurde in dem, in der Herrenstraße No. 280 gelegenen, damals der Witwe Kreutz, jetzt dem Notar Dick gehörigen Hause gemietet.

Kurz danach wurde die junge Loge durch ein recht unangenehmes Ereignis betroffen. Es erhielt nämlich das bisher in Jülich stehende Garnison-Bataillon No. 18 unterm 5ten Januar 1816, den Befehl, am 20. Januar 1816, von Jülich nach Wesel abzurücken. Hierdurch wurden der Hochwürdige Meister vom Stuhl, Bruder von Creilsheim, so wie weitere Brüder aus Jülich abberufen und der Mitgliederstand der Loge empfindlich reduziert.“

Die Loge erholte sich dann aber von diesem Aderlass und es gelang, trotz Auf und Ab, in all den Jahren von 1815 bis 1934 eine arbeitende Loge in Jülich, einer kleinen katholischen Stadt, lebendig und wirksam zu halten.

An dieser Stelle sollen nur einige wenige besondere Punkte aus der neueren Geschichte der Jülicher Loge angerissen werden.

Im Jahre 1923 wurde durch den Jülicher Freimaurer Dr. Eunike, der in enger Verbindung zu Dr. Stresemann stand, der Widerstand gegen die Separatisten in Jülich organisiert. Jülich war die erste rheinische Stadt, die von den Separatisten befreit wurde.

Am 18.3.1934 beschloss die Loge nach dem Verbot der 3 altpreußischen Großlogen durch den preußischen Innenminister ihre Liquidation.

Im Mai 1945 erreichte Dr. Eunicke in langen Verhandlungen mit dem amerikanischen und später dem britischen Stadtkommandanten, die beide Freimaurer waren, die Erlaubnis, dass Jülich an alter Stelle wieder aufgebaut werden durfte.

Am 4.12.1949 erfolgte die Wiederaufrichtung der Loge, diesmal nur von 6 übrig­gebliebenen Brüdern, die durch einige Mönchengladbacher Brüder verstärkt werden mussten.

Heute hat die Loge in Jülich über 20 Mitglieder und arbeitet in der rechten Weise mit einer Tempelarbeit und einem Gästeabend im Monat.

Seit mehr als 20 Jahren pflegt die Jülicher Loge eine sehr enge besondere Partnerschaft mit der Loge "Pictavia" in Poitiers, die der Grand Loge de France angehört. Und in jedem Jahr gibt es wechselseitige Besuche, die meist im Juni in Jülich und im Oktober in Poitiers stattfinden. Hieraus sind mittlerweile eine ganze Reihe von persönlichen Freundschaften der Familien über die brüderliche Freundschaft hinaus entstanden.